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Juden in der deutschen Wirtschaft / Kurt Zielenziger
Entstehung
Seite
188
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schreibt er an seinen Freund Professor Dr. Ernst Francke:DasWerk meiner dreißigjährigen Arbeit liegt vorläufig in Trüm-mern, und ob ich noch wieder an den Aufbau gehen kann, isteine Frage an das Schicksal, die zu stellen oder über die nachzu-denken ich heute gar keine Lust habe. Der Krieg ist ausge-brochen, um dessen Abwendung Ballin sich seit Jahren bemühthat. DerMann des Kompromisses, wie man ihn nennt, derdurch seine Poole den Frieden auf den Meeren stiftet, sieht mitwachsender Sorge der Rivalität unter den Kriegsflotten ent-gegen. Er kennt von Jugend an England zu gut, er spricht einvollendetes Englisch, um sich nicht in die Mentalität des Eng-länders einfühlen zu können. Seine häufigen Reisen nach Eng-land belehren ihn über die Stimmung, die man dort gegenDeutschland hegt. So benutzt er jede Gelegenheit, um dieGegensätze zu überbrücken. Es liegt Ballin fern, dabei Deutsch-lands Interessen irgendwie hintanzusetzen. Im Kriege schreibter:Ich gelte ja seltsamerweise in hohen Kreisen und sogar beiS. M. selbst für anglophil, und doch bin ich der einzige Deutsche,der mit Recht behaupten kann, daß er seit dreißig Jahren mitEngland in einem Kriege lebt um die Vorherrschaft auf dem Ge-biete der Handelsschiffahrt. In dieser langen Zeit habe ich denEngländern, wenn ich mich dieses kühnen Vergleichs bedienendarf, einen Schützengraben nach dem andern abgenommen undhabe sie immer wieder attackiert, sobald ich die Mittel dazu auf-bringen konnte. Aber alle Attacken führt er gegen Englandstets so, daß sie keinen Stachel hinterlassen.

So scheint Ballin der gegebene Vermittler zwischenDeutschland und England zu sein. Er wird durch dieseVerhandlungen in die Gefilde der hohen Politik eingeführt, ohnedaß er den Ehrgeiz besitzt, ein Politiker zu werden. IrgendeinerPartei hat er sich deshalb auch niemals angeschlossen. Man holtihn gern als Unterhändler, weil man seine diplomatischen Fähig-keiten kennt, aber man folgt seinem Rate durchaus nicht immer.Es wäre infolgedessen falsch, Bailins politische Macht zu über-schätzen.

Im Sommer 1908 tritt Sir Ernest Cassel, selbst Deutscher vonGeburt, einer der einflußreichsten Männer der Londoner City