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Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
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Vom Versailler Diktat 5»m londoner Ultimatum

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vi-. Simons begab sich zu der Londoner Konferenz mit einemGegenvorschlag, der nach dem Urteil der von der Regierungbefragten Sachverständigen weit über die deutsche Leistungsfähig-keit hinausging. Im Laufe der Londoner Verhandlungen ließ sichDr. Simons zu weiteren Zugeständnissen drängen, für die er auchdie Billigung des Reichskabinetts nicht mehr besaß. Trotzdem stelltendie Staatsmänner der Entente den deutschen Gegenvorschlägen einschroffesNein" entgegen und verlangten unter Androhung der so-fortigen Ausführung der angekündigtenSanktionen" die einfacheUnterwerfung unter ihren Willen. Selbst eine Bitte des Dr. Simonsum einen kurzen Aufschub, der ihm ermöglichen sollte, mit seinerRegierung erneut Fühlung zu nehmen, wurde zurückgewiesen.

In der Tat wurden nach dem Abbruch der Londoner Verhand-lungen dieSanktionen" sofort in Kraft gesetzt. Innerhalb von24 Stunden nach der Abreise des Dr. Simons aus London würdenDüsseldorf, Ruhrort, Duisburg und die umliegenden Gebiete vonEntentetruppen besetzt (8. März 1921). Die Errichtung der Zoll-grenze zwischen dem besetzten Gebiet und dem übrigen Deutschland wurde iu den folgenden Wochen durchgeführt.

Trotz dieser mit allem Völkerrecht, ja sogar mit den Bestim-mungen des Versailler Diktates im schärfsten Widerspruch stehendenGewaltakte sprach der Reichstag am 12. März 1921 mit einerMehrheit, die alle Parteien außer den Unabhängigen Sozialdemo-kraten und den Kommunisten umfaßte, der Regierung seine Billigungdafür aus, daß sie die Pariser Forderungen abgelehnt und sich geweigerthatte, unerfüllbare Verpflichtungen zu übernehmen.

Aber sowohl die deutsche Regierung wie auch die Mehrheit desReichstages zeigten sich nicht gewillt, aus der Gewalttat der Ententeirgend welche Folgerungen zu ziehen. Die Regierung lehnte esausdrücklich ab, die gegen den Versailler Vertrag nnd gegen jedesVölkerrecht verstoßende militärische Invasion deutschen Gebietes ihrer-seits als ein Zerreißen des Versailler Vertrages zu behandeln. Sieließ vielmehr durch den Mund ihres Außenministers verkünden, mandürfe nichtBöses mit Bösem vergelten". Sie fand auch bei diesemVerzicht auf jede Gegenwehr, der gleichbedeutend mit einem Frei-brief an die Entente für weitere Gewaltakte war, die Zu-stimmung einer Mehrheit des Reichstages, zu der iu diesem Falleallerdings die beiden Rechtsparteien nicht gehörten, dafür jedoch dieUnabhängigen und die Kommunisten.

Die Ententeregierungen zögerten nicht, von diesem Freibriefesofort Gebrauch zu machen. Am 5. Mai 192 t stellten sie der deutschenRegieruug ein neues Ultimatum zu, das über die bereits voll-zogenenSanktionen" hinaus für deu Fall der Ablehnung weitereBesetzungen deutschen Gebietes androhte.

Vergeblich hatte die deutsche Reichsregierung versucht, diesenenen Gewalttaten abzuwenden. Vergeblich hatte sie der Reparations-kommission mit einer Note vom 22. April 1921 neue Vorschläge für