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Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
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kenswerten Übereinstimmung" des französischen und deutschen Sach-verständigen über die wesentlichsten Punkte der zu treffenden Regelunggefunden. Es hatte den Anschein, als ob auch auf der französischen Seite sich eiue gewisse Bereitschaft zeige, die reiu finanzielle Betrach-tung des Reparationsproblems zugunsten einer wirtschaftlichen Be-handlung wenigstens einzuschränken. Aber auf denSchritt vor-wärts" vom Dezember 1920 folgte Ende Januar 1921 ein starkerSchritt zurück. An die Stelle der Sachverständigenberatungen tratenKonferenzen zwischen den leitenden Staatsmännern der Entente, diesich in Paris ohne Zuziehung deutscher Vertreter über die Deutschland aufzuerlegenden Zahlungsbedingungen schlüssig machten.

Das neue Diktat wurde der deutschen Regierung am 29. Ja-nuar mit einer Note des Herrn Briand überreicht. Die Presse derEntentestaaten brachte mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschenließ, zum Ausdruck, daß sich au diesenPropositionen", die untergroßen Mühen vereinbart worden wären, nichts wesentliches werdeändern lassen. Die leitenden Staatsmänner Frankreichs und Eng-lands verkündeten in Interviews und Parlamentsreden, daß überDeutschland schwereSanktionen" verhängt werden sollten, wennDeutschland die Pariser Propositionen" nicht annehme. Zugleichwurde die deutsche Regierung für den 1. März zn einer Konferenznach London eingeladen.

Die Pariser Propositionen" brachten das Reparationsproblemwieder auf die rein finanzielle Grundlage zurück. Sie verlaugtenvon Deutschland eine Geldentschädigung, die im Lause von 42 Jahrenabgetragen werden sollte und deren Jahresraten sich insgesamt auf226 Milliarden Goldmark beliefen. Außerdem sollte Deutschland wäh-rend der 42 Jahre 12°/» des Wertes der deutschen Jahresausfuhran die Entente in Goldmark entrichten.

Der damalige Reichsminister des Auswärtigen Dr. Simons be-zeichnete diewirtschaftliche Versklavung des deutschen Volkes" alsdie notwendige Folge einer Annahme der Pariser Propositionen".Der Wortführer der Mehrheitssozialisten, der Abgeordnete Müller-Franken, erklärte in der Reichstagssitzung vom 2. Februar 1921im Auftrage der sozialdemokratischen Fraktion:

Die sozialdemokratische Fraktion des Reichstages stimmt der Er-klärung des Herrn Reichsaußenministers über die Unausführbarkeitder Pariser Wiedergutmachungsvorschläge zu (Bravo bei den Soz.-Dem.). Eine deutsche Regierung, die bereit wäre, diese Vorschlägeals ausführbar zu erklären, wird sich nicht finden (lebhaftes Bravobei den Soz.-Dem.). Sie würde das Vertrauen weder des Inlandesnoch des Auslandes verdienen (sehr richtig!) denn sie würde sich einerUnwahrheit schuldig machen. (Lebhaftes Bravo bei den Soz.-Dem.)"

Die deutschen Gewerkschaften einschließlich der sozialdemo-kratischen erließen damals eine Kundgebung, in der gesagt wurde:In Afrika hat man die Sklaverei abgeschafft; in Europa will mansie für Deutschland wieder einführen."