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Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
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Ultimatum und Kricgsschndcn

In welcher Weise die Ententeregierungen bei ihren Ersatzansprüchenüberfordert haben, darüber empfehle ich das Nähere in dem Buchevon Keynes überdie wirtschaftlichen Folgen des Friedensver-trages" (S. 97 ff.) nachzusehen. Hier genüge die Feststellung, daßam 5. November 1919 der damalige französische FinauzministerKlotz in einer Kammerrede die französischen Gesamtforderungen fürEigentumsschaden (ausschließlich Pensionen, Unterstützungen usw.)auf 107,2 Milliardeu Goldmark beziffert hat, während dasgesamte französische Volksvermögen vor dem Kriege nichtviel mehr als Milliarden Goldmark betragen hat und kaummehr als ein Zehntel des französischen Territoriums voin Kriegeüberhaupt berührt worden ist. Herr Keynes kommt in Überein-stimmung mit objektiven französischen Statistikern er verweist ins-besondere aufRenöPupin zu dem Schluß:Es wird schwersein, eine Rechnung von über 10 Milliarden Goldmarkfür physischen und materiellen Schaden im zerstörten undbesetzten Gebiete Nordfrankreichs aufzumachen." In seinemnenen Buche bezeichnet er die im Londoner Ultimatum festgesetzteEntschüdignngssumme als unhaltbar, da sie wenigstens viermalso hoch sei als der wirkliche Schaden, für den Deutschland auf-zukommen hätte.*)

Es fcheiut allerdings, daß die französische Regierung sich schließlichbemüßigt gesehen hat, mit ihren offiziellen Schadensanmeldungen andie Reparatiouskommission nicht unerheblich hinter der von Herrn Klotzproklamierten Summe zurückzubleiben. Der Betrag, der in der Zeitder Londoner Konferenz als Gesamtforderung Frankreichs wiederholtgenannt wurde, war 218,5 Milliarden Franken; das entsprachbei dem damaligen Kurs von 13,4 französischen Franken für 1 Dollareiner Summe von 16,3 Milliarden K oder 68,5 Milliarden Gold-mark. Auch dieser Betrag ist, selbst unter Einrechnung des kapi-talisierten Betrages der Kriegspensionen und Kriegsunterstützungen,zweifellos noch viel zu hoch.

Auffallend aber und gleichzeitig in hohem Maße bezeichnend istdie Tatsache, daß die im Londoner Ultimatum festgesetzte Kontributionunter Berücksichtigung des vorher zwischen den Ententemächten ver-einbarten Verteilungsschlüssels Frankreich fast genau den Betragzuerkannte, auf den es seiue Forderung beziffert hatte. Nach diesemVerteilungsschlüssel sollen von den von Deutschland zu leistendenZahlungen entfallen:

-") Nach seiner Berechnung würde, auch wenn man den strengen Wortlautdes Vcrsniller Diktats zugrunde legt, die Nevarationsschnld Deutschlands 110 Mil-liarden Goldmark, gegenüber den 133 Milliarden des Londoner Ultimatums er-geben; davon kämen auf Pensionen ?c., die nach der Vorvereinbarung znm Waffen-stillstand von Deutschland nicht verlangt werden können, 74 Milliarden, aufeigentliche Kricgsschädcu L0 Milliarden, auf die belgische Kriegsschuld an dieAlliierten 6 Milliarden. Nach Keynes ist also 36 Milliarden Goldmark derHöchstbetrag, der Deutschland auferlegt werden darf,