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Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
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Die Uutcrwcrfung unter das Ultimatum

Napoleon I. hat den Satz ausgesprochen: Aouvki'NLr, o'sstpi'kvoir! Regieren heißt voraussehen! Herr Dr. Wirth, der insolchem Maße das Gegenteil von Voraussicht an den Tag gelegthat, fährt fort als Reichskanzler zu regieren, uud Herr vi-. Hirsch,der Mann, dem dasDevisenfettpolster" die Unsterblichkeit sichert,wurde im Jauuar 1922 mit Herrn Dr. Rathenau als Vertreterder deutscheu Regierung zu den Verhandlungen mit den Entente-regierungen nach Cannes geschickt!

Heute will allerdings von den verantwortlichen Persönlichkeitender Rxichsregierung und von den Parteien, auf die sie sich stützt,niemand mehr sich für die Erfüllbarkeit eingesetzt haben. Heute lautetdie Formel: man habe durch den Versuch der unmöglichen Erfüllungdie Unmöglichkeit der Erfüllung nachweisen wollen. Die Herren, diein dieser Weise die Behauptung der Erfüllbarkeit des Ultimatumsvon sich abschütteln wollen, verfügen entweder über nicht ganz pupil-larisch sichere Gedächtnisse, oder sie besitzen in ungewöhnlichemMaße die Gabe, sich mißverständlich auszudrücken. Der ReichskanzlerDr. Wirth selbst hat sogar noch am 6. Juli 1921, wie oben (S. 23)angeführt, das Ziel aufgestellt, daß die Ultimatumsverpflichtungendurch laufende Einnahmen gedeckt werden müßten, und er hatlediglich daran einen leisen Zweifel geäußert, ob sich dieses Zielgleich im Anfang" erreichen lasse.

DerTag" vom 20. Juni 1921 berichtete über die Rede, diedamals Herr Dr. Wirth in einer Essener Volksversammlung ge-halten hat:

Die Frage, ob die Kriegsentschädigung gezahlt werden könne,beantwortete Herr Dr. Wirth mit Ja. Für ihn sei es gewiß, daßwir das Ziel, die Zahlungen leisten zu können, erreichen werden,wenn wir nur wollen."

Herr vi'. Wirth hat neuerdings behauptet, er habe eine solcheÄußerung nicht getan; aber er hat damals jene Äußerung unwider-sprochen durch die Presse gehen lassen.

Und Herr vr. Rathenau? ImBerliner Tageblatt" vom10. Mai 1921, in der Morgenausgabe des Tages, an dem derReichstag die Annahme des Ultimatums beschloß, äußerte sich HerrDr. Rathenau zu dem Ultimatum wie folgt:

Der Rest unserer Ehre ist: daß wir halten, was wir ver-sprechen und nichts versprechen, was wir nicht halten können . . .Deutschland soll zahlen, aber nicht wieder hochkommen. Je mehr eszahlt, also ausführt desto tiefer soll es sich in Schuld ver-stricken..... Deutschland soll nie in der Lage sein zn leisten, was

es versprochen hat. Es soll jedes Jahr winseln und betteln, ent-schuldigen und versprechen, und die anderen wollen je nach ihrerJnteressenkonstellation barmherzig, schnöde, drohend oder vernichtendaustreten und das Recht zu jeder Repressalie und Folter haben.Das ist unmöglich, und deshalb dürfen wir nicht unterschreiben."