Die Unterwerfung unter das Ultimatum
Nachdem aber am nächsten Tage trotz dieser Beschwörung desHerrn Dr. Rathenau das Ultimatum unterschrieben war, hat Herrvr. Rathenau seine Stellung geändert. Am 2. Juni 1921 hat erim Reichstag ausgeführt:
„Die Überzeugung, wie man sich übernommenen Verpflichtungengegenüber, gleichviel ob sie freiwillig oder unfreiwillig übernommensind, zu stellen hat, entnehme ich meinem früheren wirtschaftlichenLeben. ... Der Kaufmannsstand in der ganzen Welt und in allenJahrhunderten hat auf Vertrauen beruht, und dieses Vertrauen hatals Symbol das geschriebene Wort: die Unterschrift. Wenn einPapier die Unterschrift meines Hauses oder meines Namens, odergar die Unterschrift meines Volkes und Reiches trägt, daun verteidigeich diese Unterschrift als meine Ehre (sehr gutl bei den Sozial-demokraten) und als die Ehre meines Landes. (Zurufe rechts.) Ichhalte sie nur für erfüllbar, wenn wir entschlossen sind, uns in tiefeNot zu begeben, darauf kommt es an (sehr richtig! bei den Sozial-demokraten, Zurufe und hört! hört! rechts, erregte Zurufe bei denVereinigten Kommunisten). Zwischen Nichtersüllen und Erfüllenliegt der Faktor der Not. Die Not hätte ich gern vermieden, diekommen wird, wenn wir ehrlich erfüllen sollen. (Erneute Zuruferechts). Ob man erfüllen kann, hängt von dem Maße der Not ab,in die man sich begibt. (Erregte Zurufe rechts). — Es gibt keineabsolute Unerfüllbarkeit, denn es handelt sich lediglich darum,wie tief man ein Volk in Not geraten lassen darf."
Vor der Entscheidung über Annahme oder Ablehnung hatte esallerdings einen Augenblick lang den Anschein, als ob die großeMehrheit des Reichstages davor zurückschreckte, abermals unerfüll-bare Verpflichtungen zu übernehmen und fo mit eigener Hand dieuns angedrohte Gewalt in Recht zu verwandeln. Sogar die Mehr-heitssozialdemokratie schien damals nicht gewillt, einen neuen Akt derUnterwerfung unter ein unausführbares Diktat mitzumachen. Damalsschrieb der „Vorwärts" als Antwort auf französische Stimmen,die der Sozialdemokratie im Interesse der „Völkerversöhnung" zurUnterwerfung rieten:
„Von allen Versprechungen, die uns gemacht worden sind, istkeine einzige gehalten worden. Hinter der Maske internationalenVerständigungstrebens traten immer wieder die Züge eines baldnaiven, bald verschmitzten Nationalismus hervor. Ehrliches Ver-ständnis dafür, daß wir als Sozialdemokraten auch die Interessenunseres eigenen schwer bedrängten Volkes zu vertreten ver-pflichtet sind, haben wir jenseits der deutschen Grenzen immer nurbei einem Teil der Arbeiterschaft und bei überzeugten, internationalenSozialisten gefunden, niemals bei den verantwortlichen StaatsmännernFrankreichs oder Englands und erst recht natürlich nicht in derPariser Boulevardpresse. Das Verständnis der Machtlosen kannuns aber nichts helfen, wenn das Mißverständnis zwischen uns undden Mächtigen von drüben, den Mehrheitsführern und den großen
3*