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Ankaufs mehr als einen sehr bescheidenen Bruchteil der Januarrateaufzubringen. Die Sorge um die Rückzahlung der in Holland auf-nommenen und bis Ende des Jahres 192 l fälligen Kredite drückteso schwer auf alle, die an diesem Geschäft beteiligt waren, daß eineWiederholung solcher Operationen sich von selbst verbot. Aus deranderen Seite konnte sich das „Kabinett der Erfüllung" noch nichtentschließen, mit der offenen Erklärung an die Entente, daß dieJanuarzahlung unmöglich sein werde, den Bankerott seiner Politik an-zumelden. Man suchte also nach einem Auskuuftsmittel, um wenigstensnoch über den Januar hinwegzukommen.
Da derKredit des Reiches völlig versagte, lag der Gedankenahe,den Kredit der deutschen Wirtschaft, in die das Ausland immer nocheiniges Vertrauen setzt, für die Erfüllungspolitik nutzbar zu machen.In erster Linie dachte man an die deutsche Groß-Jndustrie, derenfinanzielle Beziehungen zn dem Ausland sich vielleicht für die Be-schaffung größerer Devisenbeträge ausnützen ließen. Man glaubte diedeutsche Groß-Jndustrie umso leichter für eine solche Hilfsaktion ge-winnen zu können, als angesichts der sozialdemokratischen Agitationsür vie „Erfassung der Goldwerte" die Industrie unter einen ge-wissen Druck genommen werden konnte. Es ließ sich so darstellen,daß durch eine freiwillige Hilfsaktion zugunsten der Ersüllungspolitikdie Gefahr der „Erfassung der Goldwerte" abgewendet werden könne;ja, es ließ sich für den Fall des Zustandekommens einer solchen srei-willigen Aktion wenigstens dem in der Deutschen Volkspartei ver-tretenen Teil der deutschen Industrie Aussichten sür eine Mitbeteiligungan der Reichsregierung eröffnen, die eiuen gewissen Schutz gegen sozia-listische Experimente bieten würde. Das unmittelbare Bevorstehendes Parteitages der Mehrheitssozialdemokraten in Görlitz wurde aus-genutzt um die Angelegenheit als besonders dringlich erscheinen znlassen: es müsse verhindert werden, daß die Mehrheitssozialisten sicheinseitig auf die „Erfassung der Goldwerte" und gegen die sogenannte„große Koalition" mit der Deutschen Volkspartei festlegten.
Diese Taktik hatte in der Tat einen gewissen Erfolg. DerReichsverband der deutschen Industrie erklärte im Laufedes Monats September gegenüber dem Reichskanzler grundsätzlichdie Bereitwilligkeit der Industrie, im Wege einer freiwilligen Keoithilfezu einer Erleichterung der Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen desLondoner Ultimatums beizutragen. Die Besprechung zwischen demReichskanzler und den Vertretern des Reichsverbandes war strengvertraulich und ihr Ergebnis nur ein vorläufiges uud allgemeines,das noch näherer Präzision bedürfte. Das hinderte die von GeorgBernhard geleitete Vossische Zeitung nicht, noch an demselbenTage, an dem diese erste Besprechung stattfand, die Tatsache dieserBesprechung und in einer nach bestimmter Tendenz zugeschnittenenForm ihr Ergebnis der Öffentlichkeit mitzuteilen. Angesichts desengen Vertrauensverhältnisses zwischen dem Reichskanzler vr. Wirthuud Herrn Georg Bernhard und angesichts der Rolle, die letzterer in