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Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
Seite
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Der Zusammenbrach der ErfüUungspolitik

Unmöglichkeit der Erfüllung nicht die volle Konsequenz zuziehen. Die Antwort der Bank von England an den Reichsbank-präsidenten erklärte Deutschland für kreditunfähig, solange die derzeitgeltenden Zahlungsverpflichtungen des Londoner Ultimatums bestehen.Mit dieser Begründung legte der Gouverneur der Bank von Eng-land , sicher nicht ohne Einverständnis der britischen Regierung, demReichskabinett den Antrag geradezu in den Mund, die Reparations-kommission möge auf gründ des § 234 des Versailler Diktats dieLeistungsfähigkeit Deutschlands nachprüfen, um den Deutschland auf-erlegten Zahlungsplan dieser Leistungsfähigkeit anzupassen. Statt indiesem Punkte von einem der wenigen Rechte, die das VersaillerDiktat Deutschland gibt, entschlossen Gebrauch zu machen, beschränktesich die Reichsregierung, wie der oben wiedergegebene Text des vomReichskanzler an die Reparationskommission gerichteten Schreibenszeigt, auf den schwächlichen Antrag, es möge ihr für deu nicht erfüll-baren Restbetrag der Raten vom 15. Januar und 15. Februar 1922ein Zahlungsaufschub gewährt werden; lediglich den schüchternenHinweis fügte sie hinzu, daß siebei den nächstfolgenden Ratengleichfalls mit Schwierigkeiten zu rechnen haben" werde.

Auch jetzt noch ließ also die Reichsregierung den Anschein bestehen,daß es sich nur um Anfangsschwierigkeiten handle. Der wahrenSachlage hätte die Feststellung entsprochen, daß die bisherigen Ver-suche der Erfüllung die deutsche Valuta ins Bodenlose geworfen,über die deutsche Wirtschaft die schwersten, jetzt erst in den Anfängensichtbaren Folgen heraufbeschworen nnd die gesamte Weltwirtschaftvor die größten Gefahren gestellt habe; daß die materielle Un-möglichkeit vorliege, den Londoner Zahlungsplan weiter zu erfüllen;daß die deutsche Reichsregierung aufgrund des Z 234 des VersaillerDiktats die Revision des Londoner Ultimatums in seinerTotalität beantragen müsse.

Die englischen Staatsmänner zeigten mehr Weitblick und Mutals die deutschen. Lloyd George setzte noch im Dezember 1921in seinen Konferenzen mit Briand einen neuen Zahluugsplanwenigstens für das Jahr 1922 durch und vereinbarte gleichzeitigmit ihm eine internationale Konferenz zur Erörterung, desgesamten Problems des mittel- und osteuropäischen Wiederaufbaus,zu der auch Deutschland und Rußland zugezogen werden sollten.Als Ort dieser Konferenz ist späterhin Genua ins Auge gefaßtworden.

Für 1922 sollte Deutschland nach den Londoner Abmachungenzwischen Lloyd George und Briand verpflichtet werden, 500 Milli-onen Goldmark in Devisen und 1750 Millionen Goldmark in Sach-lieferungen zu leisten, insgesamt also einen Betrag von 2270 MillionenGoldmark, während nach dem Londoner Zahlungsplan und angesichtsdes niedrigen Standes der deutschen Ausfuhr mit einer Gesamtleistungvon vielleicht 2900 Millionen Goldmark hätte gerechnet werden müssen.Der Nachlaß war nicht entfernt genügend. Aber es scheint, daß der