96
Die „freien Sachlicfernngen" als Rettungsversuch
wertes unserer Ausfuhr uach den diesem Abkommen beitretendenEntenteländern. Bedenkt man, daß unsere Regierung für 1922Sachleistungen in Höhe von 45 Prozent unserer vorjährigen Ge-samtausfuhr bereits übernommen hat und bereit ist, diese Verpflichtung.noch zu erweitern, so heißt das, daß die Hälfte und vielleicht mehr unsererGesamtaussuhr für die Bezahlung unserer lebenswichtigen Einfuhrvon Nahrungsmitteln und Rohstoffen und für die Beschaffung vonDevisen zum Zweck der von der Reichsregierung gleichzeitig über-nommenen ungeheuerlichen Barzahlungen an die Entente ausfallen.Das ist nicht nur für unsere Valuta uud unsere gesamteWirtschaft unerträglich, das rührt an die Lebenswurzelnunseres Volkes.
Es kommt hinzu, daß die von den Ententeregierungen in Aus-sicht genommenen Begünstigungen des über Reparationskonto zuverrechnenden Warenbezuges dahin wirken müssen, daß diese Staatensich einen ihren eigenen Bedarf überschreitenden Anteil am deutschenExport aneignen und nun ihrerseits mit deu so bezogenen deutschenWaren der deutschen Industrie und dem deutschen Handel auf drittenMärkten Konkurrenz machen. Herr Or. Rathenau selbst hat dieseGefahr für den jetzt durch das neue Abkommen herbeigeführten Fallam 9. November vor dem Reparationsausschuß des Reichswirt-schaftsrates in aller Deutlichkeit signalisiert. Diese Entwicklung kanndurch das in Aussicht genommene Verbot der Wiederausfuhr nichtverhindert werden, denn alle Kontrollen müssen versagen, wenn —wie vorgesehen — die Wiederausfuhr nach den „Dominions, Kolo-nien, Protektoraten und Mandatsgebieten" des beziehenden Staatesausdrücklich gestattet ist. Die über Reparationskonto geleitete Aus-fuhr wird also nicht nur für unseren Nahrungsmittel- und Rohstoff-bezug und für unsere Devisenbeschaffung zur toten Ausfuhrgemacht, sie wird gleichzeitig unter die Handelskontrolle derEntenteländer gebracht und gegen die tatsächlich freibleibendedeutsche Ausfuhr eingesetzt werden.
Daß die neue Abmachung „zunächst nur bis zum 23. April 1923Geltung haben soll", ist ein schwacher Trost. Wenn Deutschland ein solches grundsätzliches Zugeständnis einmal aus der Hand gegebenhat, wird es die Entente nicht leichten Kaufes wieder fahren lassen.
Ebenso ist es nur ein schwacher Trost, >mnn darauf hingewiesenwird, daß die neue Vereinbarung sich zunächst nur auf 150 bis200 Millionen Goldmark beziehen werde. Einmal ist die Rechnung,die zu diesem Ergebnis führt, durchaus zweifelhaft, solange dasVerhältnis des neuen Abkommens zu dem Wiesbadener Abkommen,unter das angeblich die 950 Millionen Sachleistungen für Frank-reich fallen sollen, nicht geklärt ist. Das Wiesbadener Abkommen istüberhaupt uoch nicht in Kraft getreten; noch heute weiß niemand,unter welchen Bedingungen England und die anderen in der Repara-tionskommission vertretenen Staaten ihre Zustimmung zu dem Wies-badener Abkommen geben werden. Ebensowenig ist bisher zu über-