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Die neueste Entwicklung der deutschen Valuta zeigt deutlichgenug, wohin wir steuern.
Das neue Jahr eröffnete mit einem Dollarkurs von etwa 188.Die uns in Cannes auferlegte Verpflichtung, bis zum Zustande-kommen einer endgültigen Vereinbarung über den Zahlungsplan für1922 alle zehn Tage 31 Millionen Goldmark an die Reparations-kommisfion zu zahlen, übte zunächst nur eine geringe Wirkung aus;man wußte ja, daß die Reichsregierung erklärt hatte, zum 15. Ja-nuar und 15. Februar zusammen 150 bis 200 Millionen Goldmarkzahlen zn können. Daneben trat in den Monaten Dezember undJanuar die durch den Valntazusammenbruch der vorangegangenenMonate erzwungene Einschränkung der deutschen Importe in Er-scheinung.
Bis jetzt (Mitte März) sind 7 Dekadenzahlungen im Gesamt-betrage von 217 Millionen Goldmark geleistet. Während wir ge-zwungen sind, in das „Faß ohne Boden" zu schöpfen, wird jetzt inunserem Faß der Boden sichtbar. Die Verpflichtung zu den zehn-tägigen Zahlungen wirkt jetzt wieder als unmittelbarer täglicher Zwangzum Ankauf von Golddevisen. Die notwendige Wirkung ist eineneue Krisis unserer Valuta.
Schon seit Ende Januar ging der Dollarkurs wieder merkbarnach oben, zeitweise bis auf etwa 210. In der ersten Februarhälftekam es zu einem leichten Rückschlag, der den Dollarkurs am 9. Fe-bruar bis auf etwa 192 warf. Dann aber setzte eine neue scharfeAufwärtsbewegung ein, die an die katastrophale Entwicklung desletzten Spätherbstes erinnert. In kaum drei Wochen schnellte derDollarkurs auf mehr als 280 hinauf. Diejenigen behalten wiedereinmal recht, die gegenüber dem unverwüstlichen Optimismus maß-gebender Leute unserer Regierung vorausgesehen und vorausgesagthaben, daß unsere Valuta das „vorläusige Teilmoratorium" von Cannes nur für eine beschränkte Anzahl von Wochen werde ertragen können.
Der Unterschied zwischen den alle zehn Tage zahlbaren 31 Mil-lionen und den im Ganzen für 1922 von der deutschen Regierungbereits akzeptierten 720 Millionen Goldmark ist nicht groß genug,um die neue Valutakatastrophe abzuwenden.
Als rettendes Licht in diesem Dunkel wird dem deutschen VolkeGenua gezeigt.
Nach der Lloyd George vorschwebenden Idee soll eine gemein-schaftliche Anstrengung der Völker den wirtschaftlichen Wieder-aufbau Mittel- und Osteuropas in die Wege leiten. Deutsch-land und Rußland sollten unter gewissen Voraussetzungen als gleich-berechtigte Teilnehmer auf der zu diesem Zweck einzuberufendenKonferenz vertreten sein.
Die Conferenz von Cannes stimmte zwar dem Vorschlag zu,aber das französische Mißtrauen gegen die englische Anregung warvon Anfang an wach und stark; es hat nicht zuletzt zu der Er-setzung Briands durch Poincarö geführt.