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Seither haben Lloyd George und Poincars um die Kon-ferenz von Genua unausgesetzt gerungen, zuletzt in der persönlichenAussprache, die am 25. Februar in Boulogne stattfand. Nachdieser Aussprache begann sofort der Streit, wer in diesem RingenSieger geblieben sei.
Die offiziösen Mitteilungen über das Ergebnis von Bou-logne besagen im wesentlichen folgendes:
1. Die Friedensverträge scheiden aus der Erörterung derGenueser Konferenz aus; damit auch die Revision des Diktatesvon Versailles, ohne die es für Deutschland keine Gesundung gibt.
2. Ebenso soll die Reparationsfrage in Genua nicht erörtertwerden; „weder die Höhe noch die Art der Reparation" darf inGenua in Frage gestellt werden.
Es ist richtig, daß Lloyd George bereits in Cannes HerrnBriand über diese beiden Punkte beruhigende Versicherungen abge-geben hatte; er hat diese beruhigenden Versicherungen nunmehr inaller Form Herrn Poincare bestätigt. Um seine Konferenz zu retten,hat er ihr den Inhalt genommen. °
Z. Der Punkt 6 der in Cannes als Grundlage für die Kon-ferenz beschlossenen Resolution, lautend: „Alle Länder müssen ge-meinsam die Verpflichtung übernehmen, sich jeden Angriffs auf ihreNachbarn zu enthalten", wird dahin interpretiert, daß „das RechtFrankreichs aus Sanktionen, namentlich auf etwa notwendigwerdende neue Gebietsbesetzungen in Deutschland , voll-kommen gesichert bleibt".
Das „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen"soll also für alle Völker gelten, nur nicht für Deutschland. LloydGeorge hat anerkannt, daß deutsches Gebiet nach wie vor fürfranzösische Gewalt vogelfrei bleibt.
4. Die Rechte des Völkerbundes, in dem bekanntlich Deutsch-land nicht vertreten ist, sollen durch die Genueser Konferenz nichteingeschränkt werden. — Kann uns kalt lassen.
5. Das Problem der europäischen Abrüstung wird inGenua nicht zur Erörterung gestellt, „da Deutschland die im Ver-sailler Friedensvertrag vorgesehenen Verpflichtungen noch nicht voll-kommen erfüllt hat". — Jedes Wort ist zuviel für solche HeucheleiI —
Alles in Allem ist Boulogne die Besiegelung derdeutschen Verdammnis. Die Franzosen können mit Recht trium-phieren, daß «unmehr der Genueser Konferenz „die Giftzähne aus-gebrochen sind". Aber die Regierung Wirth-Rathenau undihre Gefolgschaft hofft nach Cannes auf Genua , wie man dereinstnach Compiögne auf Versailles , dann auf Spaa, auf Brüssel, aufLondon, auf Wiesbaden gehofft hat. Sie wird Gednld üben müssen;denn von der mit so großen Hoffnungen begrüßten Brüsseler Kon-ferenz unterscheidet sich die Konferenz von Genua bisher darin, daßBrüssel in einer Vertagung sein Ende gefunden hat, während Genua mit Vertagungen beginnt.