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gemeinsamen Grundbesitze zustand; durch eine Umtheilungdes Landes unter die Wirthschaften nach der Zahl der männ-lichen Mitglieder hat man dann die Ungerechtigkeit gut zumachen gesucht. Ueberhaupt spricht für unsere These derEinfluss, welcher dem Steuerwesen auf die Gestaltung der feld-gemeinschaftlichen Verhältnisse zugeschrieben zu werden pflegt:dass die Gemeinschaft es für nicht zulässig hält, diejenigenPersonen, welche von ihr, oder auch vom Staate, etwa in derForm der Kopfsteuer, zum Tragen der Steuerlast herangezogenwerden, von der Nutzung des gemeinschaftlichen Landes auszu-schliessen, beruht ja schliesslich auch auf sittlichen Erwägungen.
Man muss aber auch die Berechtigung der anderen Er-klärung zugeben. Vielfach kann die scheinbar auf ethischenMotiven beruhende Handlungsweise auf andere Triebfedernzurückgeführt werden. „Wir haben beobachtet — schreibt derStatistiker Litsclikow, der im Gouv. Saratow thätig war — dassmanche Bauern, deren Besitz bei der Umtheilung verringertwerden sollte, doch darauf eingingen, verführt durch das Ver-sprechen derjenigen Wirthe, die von der Umtheilung Vortheilezu erwarten hatten, ihnen so viel von dem Lande, das dieseAVirthe zu bekommen hofften, zu überlassen, wie jene zu ver-lieren hatten. Es kommt auch vor, dass die Anhänger derUmtheilung einzelne von den Gegnern — natürlich solche,welche nicht viel zu verlieren haben — durch Geldschenkungen,durch Bewirthung, durch A r ersprechen aller Art zu gewinnensuchen. Dass AVirthe, denen die Umtheilung unvortheilhaft ist,für sie stimmen, ist ferner hie und da in der AVeise zu erklären,dass sie nicht verstehen, genaue Berechnungen anzustellen:mancher AA r irth, dem nach der Umtheilung ebenso viel oder garetwas mehr Loose zu theil werden sollen, wie vorher, willigtein in der Hoffnung, nicht weniger, vielleicht mehr Land zubekommen, als er hatte; thatsäclilich bekommt er aber wenigerLand, da die Loose infolge der Vergrösserung ihrer Zahl kleinergeworden sind“. Als ein Motiv, welches für die Umtheilungauch dann, wenn man dabei Land verliert, wirksam Avird, gilt. das Interesse an dem AA'ohle der A r erwandten: man hat Fälle