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Die Feldgemeinschaft : eine morphologische Untersuchung / von Alexander A. Tschuprow
Entstehung
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114 II. GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DER FELDGEMEINSCHAFT.

diese Kräfte so beschaffen sind, dass ein anderer Entwicklungs-gang ausgesclilossen ist.

Bei der Entwicklung der Feldgemeinschaft sind nachmeiner Auffassung keine Klüfte im Spiele, welche dem Ent-wicklungsgänge den einförmigen Charakter des Absterbens desfeldgemeinschaftlichen Princips unter allen Umständen aufprägen.Dass das Laveleyesche Schema auch abgesehen von einzelnenDetailfehlern (namentlich lässt sich die Annahme der ursprünglichgemeinschaftlichen Bewirtschaftung der Aecker durchaus nichtaufrecht erhalten) keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit er-heben darf, ergibt sich zwingend aus den neueren Studien über dieGeschichte der Feldgemeinschaft in Russland , welche uns vieleBeispiele der entgegengesetzt gerichteten Entwicklung, nämlichdes allmählichen Erstarkens des communistischen Momentes vorAugen geführt haben.

§ 2. Die Geschichte der Feldgemeinschaft in Mittelrusslandist noch nicht genügend aufgeklärt. Man weiss noch nicht genau,wie diejenige Form der Feldgemeinschaft, welche gegenwärtigvorherrscht, nämlich die Mir Verfassung, entstanden ist. Es wirdfreilich die Anschauungsweise derjenigen, welche in ihr dasErbe der altslavischen Gentilverfassung sehen wollen, ebensowie die Tschitscherinsche Auffassung, welche den Mir ausserjedem Zusammenhänge mit den ursprünglichen gesellschaftlichenFormen erst in späteren Zeiten unter dem Drucke der staat-lichen Finanzpolitik und der wirtschaftlichen Interessen derGrundherren entstanden wissen will, in Russland selbst kaummehr von Jemanden geteilt. Man sucht vielmehr die Ent-stehung der Feldgemeinschaft auf den ganzen Complex derwirtschaftlichen Yerliältisse, unter welchen die Entwicklungder agrarischen Klassen Russlands vor sich ging, imd namentlichauf die Bedingungen, unter denen die Kolonisation stattgefundenhat, zurückzuführen. Ein genaues Bild der Entwicklung istjedoch bis jetzt nur für einzelne Gegenden, namentlich für denäussersten Norden des europäischen Russlands von Al. Efimenko,gezeiclmet worden. Die einander vielfach widersprechenden undauch in grösseren Zügen nicht ganz feststehenden Schilderungen