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Die Feldgemeinschaft : eine morphologische Untersuchung / von Alexander A. Tschuprow
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III. ANPASSUNG AN BESTEHENDE VERHÄLTNISSE.

Die Bauern haben bedeutend weniger Land bekommen, als sievor der Reform zur Nutzung hatten. Sehr oft war es das schlechtesteLand des Gutes, das ihnen zugetheilt wurde. Ihre Grundstückesind in sehr ungeeigneter Weise abgegrenzt: oft sind es mehrereunzusammenhängende Stücke, bis zu 20 an Zahl, welche theil-weise sehr weit von einander entfernt liegen: es kommen Ent-fernungen von über 2030 Werst vor. Die geometrische Formder Gemarkungen entspricht selten den Anforderungen der land -wirthschaftliclien Technik; man trifft Gemarkungen, welche sichin einem langen und schmalen Streifen von z. B. 6 Werst Längebei nur 15 Saschen Breite (das Verhältniss ist wie 200 :1) er-strecken. Es war keine leichte Aufgabe, unter solchen Verhält-nissen die Wirthschaft zu organisiren. Das schlimmste war jedochdie Zusammensetzung der bäuerlichen Gemarkungen aus Grund-stücken verschiedener Nutzungsart; die Bauern haben nämlichbei der Ablösung fast ausschliesslich Ackerland bekommen; mitWald, Wiese und Weide sind sie nur äusserst spärlich ausge-stattet worden. Es sind ferner die Servitute der Viehhütung,welche sie vor der Reform auf dem Gute des Herrn hatten,ohne Entschädigung weggefallen. Durch dieses Ueberwiegen desAckerlandes wird die Lage der Bauernwirthschaft höchst ver-hängnissvoll. Die herkömmliche Dreifelderwirthscliaft fordertviel Dung; das macht das Halten von viel Vieh nothwendig.Der Bauer hat aber kein Futter für das Vieh. Hält er Viehin der nöthigen Kopfzahl, so verhungert es; die Wirthschaftgeht also zu Grunde. Hält dagegen der Bauer nur so viel Vieh,wie ihm sein Futtervorrath gestattet, so hat er wenig Dungund die schlecht gedüngten Aecker geben immer schlechtereErnten. Welchen Ausweg gibt es da für den Bauern? Das ein-fachste Mittel wäre natürlich, den Getreidebau einzuschränkenund das Gleichgewicht zwischen der Acker- und der Grasflächedurch Umwandlung eines Theiles des Ackerlandes in Weiden und Wiesen herzustellen. Diesem Mittel stehen aber die dringendstenBedürfnisse des Augenblicks im Wege. Der Bauer hat ja ohnehinsehr wenig Ackerland, seine Getreideproduction reicht im bestenFalle kaum, um die Bedürfnisse seiner 'Wirthschaft zu decken.