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Die Feldgemeinschaft : eine morphologische Untersuchung / von Alexander A. Tschuprow
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SCHLUSS.

Zustände, welche durch Fesselung des Individuums die Ver-breitung der neuen Landwirthschaftstechnik in der Masse desVolkes hinderten. Auf diese Zeit, wo die Feldgemeinschaft aus-schliesslich vom Standpunkte ihrer Unzweckmässigkeit aus be-trachtet zu werden pflegte, folgte die Periode der historischenBetrachtung; man lernte die wunderlichen altmodischen Ver-hältnisse aus ihremWerden erklären und das augenblicklichUnzweckmässige aus der Vergangenheit begreifen. Dabei bliebaber etwas Vorsündfluthliches an der Feldgemeinschaft hängen,ja der Eindruck des Veralteten wurde noch verstärkt, indemman mit Vorliebe ihre Bedingtheit durch längst verschwundeneVerhältnisse betonte und dieWurzeln, die sie doch auch inder Gegenwart hat, abzuschneiden suchte. Gegenwärtig mussauch mit dieser Auffassung aufgeräumt werden: anstatt dieFeldgemeinschaft als eine ehemals zweckmässig gewesene, aberdurch die socialen Trägheitskräfte weit über ihre Zeit hinauserhaltene Institution zu betrachten, sehen wir in ihr eine Ge-schmeidigkeit, welche sich den verschiedensten Verhältnissen an-zuschmiegen weiss und die sich mit aller Wahrscheinlichkeit,soweit man vom Bekannten auf das Unbekannte schliessen darf,auch in künftigen Verhältnissen zu halten wissen wird; auseinem blossen Fossil wird die Feldgemeinschaft ein lebendiger,vielleicht lebensfroher Organismus.

Parallel mit diesen Aenderungen in der Auffassung derFeldgemeinschaft gehen auch Aenderungen in den Gesichts-punkten ihrer Werthung. Der naive Rationalismus, der sich umdie Existenzberechtigung dessen, was dem subjectiven Wertli-urtheil widersprach, nicht kümmerte, verwarf sie ohne weiteres,eben weil sie das aufgeklärte Individuum mannigfach zu hemmenschien. Der Historismus hat uns dann die Relativität aller Werth-urtheile richtig zu schätzen gelehrt, er wusste sich aber nichtimmer von Uebertreibungen nach einer anderen Seite hin freizu halten: wird nämlich das subjective Werthurtheil als causalbedingt betrachtet und andererseits die objective Bedeutungder Erscheinungen aus dem im Fluss begriffenen Ganzen dergesellschaftlichen Ordnung abgeleitet, so liegt die Versuchung