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Die Feldgemeinschaft : eine morphologische Untersuchung / von Alexander A. Tschuprow
Entstehung
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SCHLUSS.

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Institution, die überall bestanden habe und nirgends oder bei-nahe nirgends mehr bestehe, wurzle ja offenbar in weit hinteruns liegenden'Verhältnissen und stehe mit den modernen Lebens-bedingungen in Widerspruch. Die andere Strömung lehnt sichan den Tschitscherinschen Versuch an, die Entstehung desrussischen Mir auf staatliche Eingriffe zurückzuführen: man suchtdie Feldgemeinschaft dadurch missliebig zu machen, dass man sieüberall, wo sie nur bestanden haben mag, als auf Unfreiheit undZwang beruhend darstellt;Gleichheit sei eine Consequenz derKnechtschaft, nicht der Freiheit lautet das Schlagwort dieserRichtung. Am wirksamsten, weil dem Re

Wissenschaft die Hand reichend, ist jedoch der dritte Einwand:man lässt die Feldgemeinschaft als eine den primitiven Pro-ductionsverliältnissen angepasste Verfassung gelten; sie vertragesich aber nicht mit den Fortschritten der Agricultur und müsseverschwinden, sobald die Nothwendigkeit des Ueberganges zueiner intensiveren Landwirthschaft eintritt.

Alle drei Auffassungen stehen mit den gegenwärtig be-kannten Thatsachen nicht im Einklang. Es darf wohl als fest-stehend gelten, dass die Feldgemeinschaft, wenn sie auch, wieAlles auf Erden, unter Umständen untergehen kann, doch eigent-lich durch keine in ihrem Wesen liegende Momente zum Ver-schwinden verurtheilt ist. Durch die Anerkennung dieser That-sache wird die Beurtheihmg der Feldgemeinschaft vollkommenfrei; man möge sich für die Beibehaltung oder dagegen erklären,solche Wertlmrtheile über sie beruhen nunmehr alle auf per-sönlichen Neigungen und Stimmungen. Man vergleiche etwadie Anschauung der Malthusianer. Dadurch, dass im Mir dasindividuelle Erbrecht negirt ist imd die Genossen auf Kostender Gesammtheit mit Land ausgestattet werden, erscheint dieFeldgemeinschaft als eine eigenthiimliche, auf Gegenseitigkeitberuhende Versicherungsanstalt gegen allzu reichen Kindersegen.Unter dieser Verfassung ist auf die Erzeugung von vielenKindern eine Prämie gesetzt, denn jedes Kind bekommt vonder Gemeinschaft Land zugewiesen; hingegen wird derjenigenFamilie, die nicht rasch genug zunimmt, Land abgenommen.