Druckschrift 
Juden in der deutschen Wirtschaft / Kurt Zielenziger
Entstehung
Seite
190
Einzelbild herunterladen
 

igo

vor dem Krieg mit Amerika, dessen Stärke er wie kaum ein an-derer in Deutschland aus eigenen Verhandlungen kennt. DenAusgleich mit England hält er nach wie vor für das wichtigsteZiel der deutschen Politik. Durch Bailins Hände geht nach Hul-dermanns Mitteilung 1917der erfolgversprechendste Friedens-vermittlungsversuch, der durch den unbeschränkten U-Boot-krieg zunichte gemacht wird.

Ballin stattet während des Krieges zwar dem Großen Haupt-quartier mehrere Besuche ab. Vom Kaiser hält man ihn aber be-wußt fern. Die Gunst des Herrschers scheint er in dieser kriti-schen Zeit verloren zu haben. Der Kaiser, der ihm sonst bei jederGelegenheit schreibt, und ihn mit den höchsten Auszeichnungenbedenkt, unterläßt es, ihm zu seinem sechzigsten Geburtstageam 15. August 1917 zu gratulieren. Erst als die Not am höchstengestiegen ist, wird auf Anregung von Hugo Stinnes Ballin be-auftragt, dem Kaiser die volle Wahrheit über die SituationDeutschlands mitzuteilen. Am 5. September 1918 wird er zumletztenmal von Wilhelm II. auf Schloß Wilhelmshöhe empfan-gen. In seinen Aufzeichnungen notiert er:Ich fand den Kaiserwieder sehr mißorientiert und in der gehobenen Stimmung, dieer gern in Gegenwart eines Dritten zeigt. Ballin notiert weiter:Da, wo ich zu freiheitlich wurde, griff Herr von Berg geschicktein und erklärte mir, als der Kaiser gegangen war, man dürfe denKaiser nicht zu pessimistisch machen. Aus Bad Eilsen schreibter über die Unterredung mit dem Kaiser an Professor Francke:Wir sind viel konservativer als Herr von Berg, denn wir möchtendie Monarchie bewahren durch eine Modernisierung, währender sie gefährdet durch den Versuch, alles beim Alten zu lassen.Auch Ballin kann mit seinen Warnungen die Situation nicht mehrretten. Zwei Monate später wird Deutschland Republik.

Die Aufgaben, die Bailins im neuen Staate harren, kann ernicht mehr ausführen. In der letzten Aufzeichnung, die er am2. November 1918 in sein Tagebuch einträgt, heißt es:Stinnesließ mir mitteilen, daß sowohl das Zentrum wie die Sozial-demokraten dafür wären, daß ich die Friedensverhandlungenführen müsse. Ich habe ihm sagen lassen, daß ich nicht kneifenwürde, aber jedem anderen es lieber gönnte. Der schwere Gang,