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Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
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UUinmtuui und deutsche Wirtschaftskraft

Eine weitere sehr erhebliche Schmälerung des deutschen Volks-vermögens ist eingetreten durch die territorialen Verluste, diedas Versailler Diktat über Deutschland verhängt hat. Mit den inEuropa uud den in der überseeischen Welt abgetretenen Gebieten istnicht nnr das in diesen Territorien belegene deutsche Staatseigentumohne Entschädigung an die feindlichen Mächte übergegangen; darüberhinaus ist auch das ganze in den verlorenen Gebieten vorhandenedeutsche Privateigentum aus dem deutschen volksvermögeu aus-geschieden. Der hieraus sich ergebende Verlust am Volksvermögeuist auf mindestens 25 Milliarden Gold mark zu beziffern.

Dazu kommt schließlich noch alles, was wir aufgrund des Waffen-stillstands und Friedensvertrags an Vermögenswerten den Entente-mächten aushändigen mußten: all das wertvolle Material, das beimRückzug hiuter deu Rhein zurückgelassen worden ist; die Lokomotiven,Wagen, Krastfahrzenge usw., die wir den Feinden auszuliefern hatten;all das Kriegsmaterial, das in der Heimat zerstört oder ausgeliefertwerden mußte; nahezu die Gesamtheit unserer Handelsflotte, die teilsim Kriege verloren ging, teils während des Waffenstillstandes alsPreis für dessen Verlängerung den Ententemächten übergeben wurde;dazu alle die Zwangslieferungen, die der Frieden von VersaillesDeutschland auferlegte. Der Friedenswert all dieser Einbußen anVolksvermögen ist auf mindestens 10 Milliarden Goldmark zubeziffern.

Zusammen belaufen sich diese unmittelbaren Verluste auf mehrals 110 Milliarden Goldmark. Das deutsche Volksvermögeuwürde also hiernach für die Gegenwart und auch schon sür dieZeit in der wir vor das Londoner Ultimatum gestellt wurdenauf weniger als 200 Milliarden Goldmark zu schätzensein.

Dabei darf nicht übersehe» werdeu, daß durch den Krieg nnddie Revolution die Ertrügnisse uuserer inländischen Unter-nehmungen, auf Gold umgerechnet, einen erheblichen Rückgangerfahren haben, der sich in der Bewertung dieser Unternehmungenin Gold stark fühlbar macht. Am deutlichsten tritt dies in Er-scheinung bei unseren Aktiengesellschasten. Die Steigerung desKurses in unserem inländischen deutschen Gelde darf darüber nichthinwegtäuschen. Im Frühjahr 1921 mag die Kurssteigerung der deut-schen Aktien im Durchschnitt hoch gerechnet das dreifache des Friedens-kurses betragen haben. Gleichzeitig war jedoch der Wert der deutschen Papiermark am Dollarkurs gemessen nur noch 1/15 des Wertes derdeutschen Goldmark. Das bedeutet, daß für den nach wie vor nachGoldmark rechnenden Ausländer die Aktien der deutschen Unter-nehmungen für den 5. Teil des Friedenswertes erhältlichwaren. Für Ende Februar 1921 berechnete der Reichsbankpräsidentden Nennwert des Grundkapitals aller deutschen Aktien-gesellschaften auf 35 Milliarden Mark; bei einem Durchschnittskursvon etwa 350°/° ergab sich daraus ein Kurswert von rund 120 Mit-