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Das Wiesbadener Abkämmen
Wirkung beim Wiederaufbau auf die breiteste Grundlage gestellt.Der Vorschlag konnte eine zweckmäßige Grundlage für Wiederauf-bauverhandlungen bieten. Aber diese Note ist niemals beantwortetworden> es sei denn, daß man das Londoner Ultimatum als eineAntwort ansehen will.
Bei dieser Behandlung kamen vor allem die französischen Ge-schädigten zu kurz. Während die französische Regierung in der ge-schilderten Weise alle deutschen Angebote, durch Arbeits- und Sach-leistungen an dem Wiederausbau der zerstörten Gebiete mitzuwirken,ablehnte oder unerledigt ließ, zeigte sie selbst sich unfähig, mit Hilfeder französischen Industrie den Wiederaufbau so zu fördern, wie esdie Geschädigten mit gutem Recht verlaugteu. Das Verhalten derfranzösischen Regierung in der Wiederaufbaufrage wurde vou denGeschädigten, die endlich wieder einmal ein Dach über dem Kopfhabeu wollten, immer mehr als skandalös empfunden. Der Drnck,den diese auf die französische Regierung ausübten, wurde immer stärkerund hatte iu der Zeit nach der Annahme des Londoner Ultimatumsoffensichtlich die Wirkung, bei dem Pariser Kabinett eine größereBereitwilligkeit zn Verhandlungen mit Deutschland über den Wieder-aufbau herbeizufuhren. Die Voraussetzungen für ein vernünftigesAbkommen mit Frankreich über die Erfüllnng eines ansehnlichenTeiles unserer Verpflichtungen durch Sachleistungen sür deu Wieder-aufbau erschien endlich gegeben.
In der Tat kam es im Juli 192 l zu einer ersten unmittelbarenAussprache des deutschen und des französischen Wiederaufbauministers,der Herren Rathen au uud Loucheur, in Wiesbaden . Ein Bericht,den Dr. Rathenau über das vorläufige Ergebnis dieser Zusammeu-kunft dem Reparationsausschuß des Reichswirtschastsrates erstattete,mußte jedoch bereits das starke Bedenken hervorrufen, daß Dr. Rathenauvon Herrn Loucheur sich auf einen Weg drängen lasse, der nur deufranzösischen, nicht aber den deutschen Interessen entsprach. Um dieseGefahr zu signalisieren, schrieb ich damals (im „Industrie-Kurier"am 24. Juni 1921):
„Herr Rathenau ist auf die konkreten Probleme der Be-teiligung der deutschen Industrie an dem Wiederausbau der zerstörtenGebiete nicht eingegangen; seine Ausführungen waren lediglich all-gemeiner Natur. Er hat zutreffenderweise die Frage in den Vorder-grund gestellt, wie wir in möglichst weitem Umfang die uns auferlegtenGoldleistungen in Sachleistungen verwandeln könneu. Erhat ausgeführt, daß Frankreichs Anteil an dem uns auferlegten Jahres-tribut d2°/o betrage, also von einer Jahresleistung in Höhe von3Vs Milliarden Goldmark 1,6 Milliarden. Diese Zahl bilde alsodas Höchstmaß dessen, was Frankreich an deutschen Lieferungen fürden Wiederaufbau jährlich aufnehmen könne. Die Aufnahme diesesHöchstmaßes werde aber „Frankreich kaum zuzumuten sein; dennFrankreich hat einen erheblichen Bedarf an Gold bzw. Devisen."