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Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
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Das Wiesbadener Abkommen

müssen, nicht gleichzeitig an andere Länder gegen Golddevisen ver-kaufen können. Die 65°/» unserer Sachleistungen an Frankreich ,die uns in deu nächsten Jahren auf unsere Goldverpflichtungennicht angerechnet werden, sind nichts weiter als toter Export.Einen solchen toten Export kann sich Deutschland in seiner schwerenBedrängnis einfach nicht leisten.

Wenn Herr Vr. Rathenau schließlich darauf hingewiesen hat,daß er gegen die Berechtigung des französischen Abscheus gegen dieInflation, die sich für Frankreich aus einer sofortigen vollen An-rechnung der deutschen Sachleistungen ergeben könnte, nicht habeankämpfen können, so mußte die Gegenfrage gestellt werden, ob sichdenn Herr Dr. Rathenau keine Gedanken über die Wirkungen seinesAbkommens auf die deutsche Inflation und durch diese auf diedeutsche Valuta gemacht hat. Solche Gedanken hätten ihm dochum so näher liegen müssen, als die Inflation in Frankreich nichtentfernt an das lawinenartig anschwellende Übermaß von Papiergeldheranreicht, in dem Deutschland unterzugehen droht, und als der franzö-sische Frauk im Frieden gleich vier Fünftel der deutschen Markschon zur Zeit des Wiesbadener Abschlusses fast neunmal so hoch be-wertet wnrde als unsere Papiermark*). Die so viel stärkere und gefähr-lichere deutsche Inflation muß um den Wert der Sachleistungen gesteigertwerden, mit denen wir gegenüber den Franzosen in Vorschuß treten;denn diese Sachleistungen muß das Deutsche Reich der deutschen Indu-strie mangels anderer Mittel mit neuen Schatzanweisungen und neuemPapiergeld bezahlen. Jede Milliarde Goldmark an Vorschußlieferungbedeutet bei dem heutigen Stand der deutschen Mark eine Vermeh-rung der deutschen Inflation um mindestens 50 Milliarden Papiermark.

Man fragt sich vergeblich, wie ein Mann von der anerkanntengeschäftlichen Klugheit des Herrn Dr. Rathenau sich zu einem solchenAbkommen hat bereit finden können. Sollte Dr. Rathenau sich durchdie Drohungen haben einschüchtern lassen, daß im Falle des Nicht-zustandekommens des Abkommens Frankreich überhaupt keiue Be-stellungen für seinen Wiederaufbau an Deutschland vergeben werde?Wenn das Abkommen einem solchen Druck seine Entstehung verdankte,dann mußte der von Dr. Rathenau und dem Reichskabinett bekundeteStolz darüber, daß jetzt zum erstenmal seit dem Kriege ein Abkommenmit Frankreich auf Grund freier Verhandlung zustande gekommensei, mehr als eigenartig anmuten. Ein Abkommen, das die Notlageeines Landes wie Deutschland dahin ausnutzt, daß ihm seine voll-wertigen Leistungen für eine Reihe von Jahren nur zu etwa einemDrittel angerechnet werden, kann nicht anders, denn als ein wuche-risches Abkommen bezeichnet werden.

Zur Unterwerfung unter den französischen Druck lag aber umso weniger Veranlassung vor, als durch diese Unterwerfung nichteinmal erreicht worden ist, daß Frankreich irgendeine Verpflichtung

*) Heute, Anfang März 1922, gilt der französische ^rank 23 Papicrmark.