Die „Erfassung der Goldwerte"
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uns in dem „Kriege nach dem Krieg" vor der völligen Versklavungschützen kann. Jetzt kam von deutscher Seite der Vorschlag, auchdiesen letzten Schutz freiwillig an die Ententemächte auszuliefern.
In dem Kampf um diesen verhängnisvollen Vorschlag nahmalsbald auch der Reichskanzler Dr. Wirth Stellung. Wie es vonihm nicht anders zu erwarten war, griff es das Schlagwort von den„Goldwerten" begierig auf uud warf es mit Schwung und Wuchtiu die Agitation. Schon am I.Juni 1921 proklamierte er im Reichs-tag, die „sogenannten Goldwerte" müßten in erster Linie zur Erfüllungdes Ultimatums herangezogen werden. Einige Wochen später hielter es für angezeigt, in einer Volksversammlung in Essen den„Gedanken der Erfassung der Goldwerte" als eine „politische Not-wendigkeit" hinzustelleu und alle diejenigen zn warnen, „die heuteunser Volk zu spalten versuchen, hie Proletariat und hie Besitzervon Goldwerten", eine Warnung, der er die deutliche Drohung hin-zufügte: „Ich will keinen Zweifel darüber lassen, welcher Gesinnung ichbin: mein Herz schlägt für das werktätige Volk in unserem Vaterlande."
Über die Bedeutung dieser Drohung konnte sich niemand einerTäuschung hingeben. Herr Dr. Wirth hat in seiner Essener Rede selbstdie Goldwerte als die „Produktionsmittel" definiert. Der vonihm in der wenig aufrichtigen Form der Warnung ausgegebene Schlacht-ruf „hie Proletarier, hie Besitzer von Goldwerten!" bedeutete also nichtsanderes als die alte marxistische Parole des Klassenkampfesin einer zeitgemäß zugespitzten Form.
Herr 1)r. Wirth, der in dieser Weise am 19. Juni 1921 in Essen den Klassenkampf neu proklamierte und dabei keinen Anstand nahm,in diesem Kampfe sofort Partei für das „werktätige Volk" — sollheißen Proletariat — zu nehmen, hat allerdings wenige Tage später,am 24. Juni im Reichstag Veranlassung genommen, von seinemeigenen Schlagwort etwas abzurücken, indem er ausführte:
„Man hat das Wort „Goldwerte" geprägt. Es steckt wahr-haftig nichts hinter dem Wort „Goldwert". Ich will deshalb inZukunft das Wort gar nicht mehr verwenden. Ich will dies Wortmal umschreiben als Produktionsmittel, und es gilt jetzt dieFrage zu prüfen, in wieweit wir verpflichtet sind, gegenüber denanderen, die schon Opfer gebracht haben, gerade diese Kreise bei denneuerlichen steuerlichen Gesetzentwürfen gebührend zu berücksichtigen."
Herr Dr. Wirth hatte, wie sich aus diesen Worten ergibt, offen-bar selbst die Empfindung, daß er sich in Essen zu weit vorgewagthatte. Aber sein Verhalten in der Frage der „Erfassung der Gold-werte" blieb auch in der Folgezeit zum Mindesten zweideutig. ImReichskabinett regten sich starke Widerstände gegen das vom Reichs-wirtschaftsminister vorgelegte Projekt. Der Reichswirtschaftsministerselbst sah sich veranlaßt, etwas Wasser in seinen Wein zu gießeu,und in einer zweiten Denkschrift seine Vorschläge etwas vorsichtigerzu formulieren. Er vermied in dieser zweiten Denkschrift von derunmittelbaren Veräußerung der erfaßten Goldwerte an die Entente