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Die Arbeiterfrage unter dem Gesichtspunkte des Vereinsrechtes / Ludwig Bamberger
Entstehung
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Vorbetrachtung.

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nicht sein. Er beschränkt sich darauf, dem Staate denBeruf zu vindiciren, daß er im Besonderen und Einzelnenmehr als bisher die individuelle Freiheit zum Vortheil desGanzen zurückdränge, unter Umständen das Eigenthums-vder Verkehrsrecht aufhebe. Soweit er das verlangt, weiler überhaupt von vornherein Staats- und Gemeindewirth-schast für heilsamer hält als Privatwirthschaft, ist derKatheder-Sozialist eiufacher Sozialist; soweit er es aberuur verlangt, weil die Nützlichkeit sich für den concretcnFall beweisen läßt, steht er auf dem Boden der altenVolkswirthschaft, welche sich keiner Nützlichkeit aus irgendeinem uuverletzlicheu Grundsatz widersetzt. Ein bischenmehr an den Staat, ein bischen weniger an die freieConcurrenz glauben, das macht keine wissenschaftlichenDistinctionen möglich. Und am wenigsten kommt es hierans philosophische Theorieen des Staatsrechts an. Handeltees sich nämlich um diese, so würde erst vollends derUnterschied zwischen dem Katheder- und dem gemeinenFeld- und Wiesen - Sozialisten verschwinden. ^ Aber dieZeit ist wirklich vorbei, in der man noch darüber streitenmöchte, ob der Staat das Recht habe, uns glücklich zumachen. Er mache uns nur glücklich, und wir wollenihm den Beweis seines Rechts gern erlassen. So langewir nicht an sein Können glauben, glauben wir jedochauch nicht an sein Recht. Mit Wünschen gibt sich dieWissenschaft nicht ab. Und was anders ist es, als einpolitischer Wunschzettel, wenn der Katheder-Sozialismus.die Forderung aufstellt, daß jeder Mensch einmenschen-würdiges Dasein" zu führen in Staud gesetzt werde? Solautet nämlich jetzt die Formel, welche den sozialdemo-

5 Mail vergleiche z. B. Professor v. Scheel: die Theorie dersozialen Frage (Jena 1871), ein wahres Paradigma der Gattung.

Bambcrger, Arbeiterfrage, Z