Vorbetwchtung.
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wenig gegen die Benamsten, wie gegen den Namen.Man läßt sich nicht gern vom dritten eine Etiketteaufkleben und sei sie auch noch so passend; man läßtsich noch weniger gerne, ohne befragt zu werden, inein beliebiges Gefach mit andern Mitmenschen zusammen-spcrren. Endlich kann auch nicht geleugnet werden, daßdie Zusammeusetzung einen leichten Beigeschmack literari-scher Bosheit an sich trägt. So ehrenvoll es ist, auf deinKatheder zu stehen — und in Deutschland besonders gibtes weuig Berufsarten, die sich einer so großen Hochachtungerfreuten —, so gilt es billigcrweise nicht gerade für einEompliment, wenn einem bemerklich gemacht wird, daßer den Ton und Anstand des Professors nicht im Hörsaalzurücklasse. Auch „Sozialist" gilt gerade in der gebildetenWelt noch nicht für einen Ehrentitel; und endlich vermagnicht geleugnet zn werden, daß eben in der Verbindungbeider Worte eine sachliche Ironie liegt. Auf dem fried-lich beschaulichen, vom Zuhörer uie angefochtenen Stand-ort des akademischen, vom Staat besoldeten Lehramtskörperlich zu stehen und geistig in die Gemeinschaft derwirren Brandung des sozialistischen Treibens hineinzu-rudern, das hat in der That seine komische Seite; eserinnert an den, hier vielleicht mit mehr Recht als beiseiner ursprünglichen Anwendung zu gebrauchenden Sar-kasmus von der Revolution in Schlafrock und Pantoffeln.Allerdings ist die Aufforderung zur Komik nur äußerlicherArt, und im Ernste kann keinem Professor verdacht wer-den, wenn er seine sozialistische Ueberzeugung mit allemerdenklichen Eifer verbreitet. Ehrliche, aufrichtige Sozia-listen sind die meisten Berkünder der jüngsten akademischenRichtung. Sie unterscheiden sich dadurch auf wohlthuendeWeise von manchem Gesinnungsgenossen, dessen praktische