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Die Feldgemeinschaft : eine morphologische Untersuchung / von Alexander A. Tschuprow
Entstehung
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L BEGRIFF UND FORMEN DER FELDGEMEINSCHAFT.

das Abholzen aber häufig den einzelnen Genossen überlassenoder gemeinschaftlich besorgt.

In derselben Richtung, wie die technische Ueberlegenheitdes Grossbetriebes kann auch die Kostspieligkeit der Technikwirken. Ist für den rationellen Betrieb ein grösserer Aufwandan Kapital und Arbeit erforderlich, den die einzelnen Wirthenicht leicht zu leisten vermögen, so wird die Sondernutzungaufgehoben, vielleicht nur zeitweise, bis die Wirtschaft neugeordnet ist. Wohl aus diesem Grunde werden hie und daWeinberge nicht ausgetheilt; 1 ) auch andere intensive Culturengemeinschaftlich betrieben (Hopfenpflanzungen der Stadt Tü-bingen ), 2 ) Schafweiden verpachtet (sehr oft in Baden undWürttemberg ). Mit aus demselben Grunde wird bei Nutzungenindustriellen Charakters nicht ausgetheilt.

Den dritten Grund, von der Austheilung in Sondernutzungabzusehen, bildet der Wunsch, die Deckung der gemeinsamenBedürfnisse zu sichern. Natürlich kann dafür auch auf demWege der Gemeindesteuern gesorgt werden, was auch meistensgeschieht; die Deckung durch den Ertrag der gemeinsamenLändereien hat jedoch den Vorzug der grösseren Sicherheit, rveildabei Rückstände weniger zu befürchten sind; auch werden dabeidie Unannehmlichkeiten der Steuererhebung vermieden. DieGrundstücke werden dann meistens gegen festen Zins verpachtet,was gewiss das nächstliegende ist. Ein drastisches Beispiel derWirksamkeit dieses Motivs wird durch den folgenden Fall ge-geben: die Gemeinschaft verpachtet an einen benachbartenGutsbesitzer ein Grundstück von 4000 Dessjätinen und der Guts-besitzer verpachtet dasselbe in kleinen Stücken weiter an gewisseMitglieder der Gemeinschaft, natürlich mit Vortheil; die Gemein-schaft lässt sich aber diese Verluste an Pachtzinsdifferenz gefallen,weil sie auf diese Weise eine sicherere Geldeinnahme hat. 3 )

) Laveleye, S. 139 (Kanton Wallis); S. 145 (Stadt Radolfzell );S. 275 (Portugal ).

2 ) Bücher-Laveleye, S. 193194.

3 ) W. Postnikow, Die bäuerlichen Verhältnisse in Süd-Russ-land, S. 151.