Druckschrift 
Die Feldgemeinschaft : eine morphologische Untersuchung / von Alexander A. Tschuprow
Entstehung
Seite
111
Einzelbild herunterladen
 

1. EINFACHE FELDGEMEINSCHAFTEN.

111

einzelnen Familien verloost; lediglich die zeitweise Nutzniessungfällt so dem Individuum zu. Der Grund und Boden bleibt nochimmer das gemeinsame Eigentlmni des Clan, welchem er vonZeit zu Zeit wieder anheimfällt., um einer neuen Theilung unter-zogen zu werden. Dies ist das System, welches gegenwärtig inder russischen Gemeinde in Kraft ist; es war dasjenige dergermanischen Stämme zur Zeit des Tacitus . Durch eine andereArt der Individualisation bleiben die Ackerloose in den Händenvon patriarchalen Familiengruppen, welche denselben Wohnsitzhaben und zum Besten der Genossenschaft arbeiten, wie imMittelalter in Italien und Frankreich und gegenwärtig in Serbien .Endlich erscheint das individuelle und erbliche Eigenthum; aberes liegt noch gebunden in den tausend Ketten der Lehnsrechte,des Fideicommiss, der Erblosung (Retractreclit), der Erbpacht,des Flurzwanges u. s. w. Erst nach einer letzten, nicht seltensehr langen Umwälzung erlangt es seine endgültige Gestalt undden Charakter jenes absoluten, unbeschränkten und persönlichenRechtes, wie es das bürgerliche Gesetz definirt und wie wir esheute allein auffassen. 1 )

So schilderte gegen die Mitte der siebziger Jahre E. Lave-leye in seiner anregenden Schrift über das Ureigenthum denProcess der Entstehung des Individualeigenthums im Schoosseder Feldgemeinschaft, und diese Schilderung, die Laveleye auchm der letzten, von ihm noch besorgten Ausgabe seines Haupt-werkes im Anfänge der neunziger Jahre imgeändert wiederholthat, gilt immer noch für viele als ein getreues Bild der that-sächlichen Entwicklung. Und doch entspricht sie dem gegen-wärtigen Stande unserer Kenntnisse bei weitem nicht.

Das Thatsachenmaterial, auf welches Laveleye seine Auf-fassung gründet, ist durch spätere Untersuchungen in ein anderesLicht gestellt worden. Durch die Forschungen von Seebolnn undDenman Ross , durch die glänzende Kritik Fustel de Coulanges,wemr sie auch zum Theil durch die Gegenkritik zurückgewiesensein mag, durch die neueren Arbeiten von Hildebrand und Witticli

*) Bücher-Laveleye, S. 45.