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Die Feldgemeinschaft : eine morphologische Untersuchung / von Alexander A. Tschuprow
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1. EINFACHE FELDGEMEINSCHAFTEN.

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freien Nutzung ist die thatsächliclie Yertheilung des Grundbe-sitzes trotz der scheinbaren Gleichberechtigung aller Genossenkehre gleichmässige. Schon die technischen Schwierigkeitender Urbarmachung versetzen die wirthschaftlich schwächerenHöfe in eine ungünstigere Lage; sie haben weder genügendzahlreiches und kräftiges Yieh, noch ist ihr Inventar stark genug,um die Urbarmachung durchzuführen; oder es fehlt ihnen anArbeitskräften. Wir sehen auch vielfach, dass sie vorziehen,die von den reicheren Wirten als erschöpft verlassenen Grund-stücke zu bebauen. Aber auch ohnehin ist der reiche Bauer,der über viele Arbeitskräfte, über viel Yieh und besseres Inven-tar verfügt, wohl im Stande, mehr und gerade vom besserenund am besten gelegenen Lande für sich in Anspruch zu nehmen.Es wird z. B. (freilich nicht aus Sibirien , sondern aus Neu-Russ-land, namentlich ans dem Dnieperkreise) berichtet, dass ebendie Einführung besserer Pflüge in der Wirtschaft der reichenBauern den Anstoss zum Yerlassen der freien Nutzung gegebenhat. Wie ungünstig diese scheinbar so demokratischen Ver-fassungen den Schwächeren eigentlich sind, lässt sich darausschliessen, dass in denjenigen russischen Gemeinschaften desGouv. Irkutsk , wo sie gegenwärtig noch bestehen, 20,4 °/o derWirtschaften nicht im Stande sind, Ackerbau zu treiben.

Man könnte vielleicht fragen, woher auf dieser Entwick-lungsstufe die wirtschaftliche Ungleichheit stamme. Dies istsehr einfach: Ansiedler bringen ja aus ihrer Heimat Vermögenmit, und zwar natürlich nicht alle gleich viel. Von noch grössererBedeutung sind, wie das die Untersuchungen AI. Kaufmansüber die Verhältnisse der Neuansiedler in Sibirien nachgewiesenhaben, die Unterschiede in der Arbeitsfähigkeit der Familien;Familien, welche über viele Arbeitskräfte verfügen, gedeihen gut,auch wenn sie verhältnissmässig geringes Vermögen mitbringen;dagegen ist es denjenigen Familien, wo wenige arbeitsfähigeMitglieder sind, sehr schwer, in den neuen Verhältnissen empor-zukommen, selbst wenn ihr mitgebrachtes Vermögen relativ hoch ist.

Mit dem Anwachsen der Bevölkerung wird der Druck derungleiclnnässigen Besitzvertheilung immer stärker. Die Klassen-