1. EINFACHE FELDGEMEINSCHAFTEN.
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nicht immer; man könnte viele Beispiele anführen, wo derofficielle Druck gegen den Uebergang zur Mir-Verfassungausgeübt wurde, manchmal mit Erfolg, so dass sogar bereitsumgetheilte Ländereien wieder unter das Antheilsreclit gestelltwurden, oft aber ganz erfolglos: der Uebergang wurde dochvollzogen, nur nach harten und länger als sonst dauernden Kämpfen.Die eigentlichen Ursachen des Vorgangs liegen tiefer, nämlichin der inneren Entwicklung der Gemeinschaft. Denn unter demRegime des Antlieilsrechtes entwickelt sich mit der Zeit infolgeder ungleichen Fruchtbarkeit der Familien eine Ungleiclnnässig-keit des Besitzes; die freie Veräusserlichkeit der Antheile ver-schärft die Ungleichheiten noch. Es entsteht landarmes midlandloses Proletariat, in dessen Interesse das Fortbestehen derAntheilsverfassung nicht liegt. Diese Bevölkerungsschichten,zumal sie sich noch dumpf der Zeit erinnern, wo die freie Nutz-ung bezw. die Occupation bestand und zumal sie hei ihrenNachbarn die günstigere Mir-Verfassung bestehen sehen, drängenauf eine Reform der Agrarverfassung und fordern eine Aus-gleichung des Besitzes. Dass solche Ausgleichungen gegen diebestehende Verfassung sind, kümmert sie am allerwenigsten; siewollen ja gerade mit dem Bestehenden brechen, sie wollen einegerechtere Ordnung schaffen. Sie werden dabei häufig von denmittleren Schichten der Bauernschaft unterstützt, welche vondem Uebergange unmittelbar weder zu gewinnen, noch zu ver-lieren haben; was die letzteren dazu treibt, die Reformbestre-bungen zu unterstützen, mag Avohl das Gerechtigkeitsgefühl sein,die höhere ethische Wertlmng der Mir-Verfassung im Vergleichezum Antheilsreclit. Die reichen Bauern leisten natürlich denharnäckigsten Widerstand; sie finden es keinesivegs gerecht,dass ihnen ein Tlieil ihres Erbes genommen Averde. Wie sehres bei der Parteinahme für oder gegen den Uebergang zumMir auf das eigene Interesse ankommt, kann man aus folgen-dem Beispiele sehen: ein reicher Bauer, Avelcher Vorsteher desWolostverbandes ist, agitirt lebhaft in dem Dorfe, avo er geborenist und avo er nur Avenig Land nach Antheilsreclit besitzt, fürdie Vornahme der Umtheilung; er sträubt sich zu gleicher Zeit