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Die Feldgemeinschaft : eine morphologische Untersuchung / von Alexander A. Tschuprow
Entstehung
Seite
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154 II. GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DER FELDGEMEINSCHAFT.

schaft, gleichzeitig mit ihr, ja vielfach noch vor ihr: genau inderselben Weise wie die einfache Dorfgemeinschaft, durch die-selben wirthschaftlichen Momente ins Leben gerufen, durchdieselben socialen Kräfte getragen, entwickelt sie sich hier directaus dem Familiengrundbesitz. In anderen Fällen entsteht zwardie zusammengesetzte Feldgemeinschaft ebenfalls ohne Vermitte-lung des ausgebildeten Dorfverbandes, aber der Zusammenschlussder Bewohner mehrerer Dörfer in eine Gemeinschaft ist hierkein naturwüchsiger, sondern er beruht auf bewusstem Ent-schlüsse. Es kommt nämlich vor, dass benachbarte Dörfer be-reits in den Zeiten der freien Nutzung bezw. der Occupationin engere Beziehungen zu einander kommen, und zwar nichtdurch das Vorgreifen einzelner Wirthe in das Gebiet, welchesvon keinem der Dörfer für sich ausschliesslich in Anspruch ge-nommen wird, sondern durch ausdrücklichen, auf gegenseitigemVortheil beruhenden Zusammenschluss der Gemarkungen. EinDorf hat z. B. in seiner Gemarkung wenig Wiesen, aber einenUeberfluss an vorzüglichem Ackerlande; ein anderes Dorf hatmehr Wiesenland, als es braucht, leidet aber einen Mangel anbrauchbarem Ackerlande; um den Mangel auf der einen Seitedurch den Ueberfluss auf der anderen Seite zu compensiren,schliessen sich die beiden Dörfer unter Beibehaltung des Regimesder freien Nutzung bezw. der Occupation an einander' und machendann die ganze Entwicklung der Grundeigentimmsverfassungzur Mir-Gemeinsclraft zusammen durch. Ein anderes Beispiel:ein Dorf liegt am Ufer eines Flusses, es hat keine Weiden, wodas Vieh im Frühjahr wählend der Ueberschwemmung sichaufhalten könnte; das andere Dorf liegt auf benachbarten Hügeln,im Frühling hat es gute Weiden , aber im Sommer reicht dersonnenverbrannte Graswuchs für das Vieh nicht aus; die Ver-einigung der Wiesen hilft den beiden Dörfern aus der Verlegen-heit. Von besonderer Bedeutung ist dieses Moment für dieBildung der Weidegemeinschaften; die Kosten der Viehhütungund der Errichtung und .Unterhaltung der Zäune, welche nament-lich in den Waldgegenden, wo das Vieh gegen die wilden Thierezu schützen ist, mitunter sehr bedeutend sind, sind relativ viel