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Vorbetrachtung.
einseitig und überspannt zn beurtheilen, genügt es nicht, sichin die Leidensgeschichte des Proletariats ^ zu vertiefen. Manmuß diejenige Welt, um deren Reformirung es sich handelt,von anderer Seite auch kennen, und zwar nicht blos so, daßman von außen in sie hineingesehen, sondern auch so, daßman durch eigene Anstrengung, Erfahrung, Sorgen undVerantwortlichkeit den Geschäftsgang des Lebens erprobthabe. Man braucht nicht an der Spitze einer Baumwoll-spinnerei oder eines Eisenhammers gestanden zu haben,aber man muß mit denen rechnen uud fühlen gelernt haben,welche in der Plage um den Erwerb, großen oder kleinen,mit ihren Gehülfen auszukommen und gleichzeitig mit derdraußen stehenden Welt der Kundschaft sich zu balgen ge-nöthigt sind. Es liegt gewiß kein Vorwurf darin, daßunsere Volkswirthe mit ihrem — wie sie es selbst nennen —„sittlichen Pathos" ineist noch in jüngeren Jahren stehenund naturgemäß den Kampf ums Dasein im Schatteneines umfriedeten Studienkreises bewältigen; aber diesepersönliche Lage, im Bunde mit dem akademischen Idea-lismus, erklärt die wunderbare Geistesruhe, mit der sieihre Vorschläge zur Grundveränderung der ganzen mensch-lichen Industrie dictiren. Hoch zu Roß auf einer schönenphilanthropischen Theorie blickt der künftige Welteroberermit Tamerlanischer Gleichgültigkeit auf die Leichen derErschlagenen herab. Nichts ist leichter zu erkennen, alsdie Entbehrung der Armen, die Leidensgeschichte der Fabrik-bevölkerung. Aber um zu ermessen, wie viel schwerer esist, Arbeit zu geben als Arbeit zu nehmeu, wie viel Theilevorgeschriebener, vorausbedungener, umgrenzter Tages-
5 Proletarier und Arbeiter ist übrigens heutzutage eher einGegensatz als dasselbe.